Presseerklärung: Nein zur Räumung der Pizzeria Anarchia, nein zu Gentrifizierung und Verdrängung!

Juli 24, 2014 16:15

Am 28.7.2014 soll die Pizzeria Anarchia, in der Mühlfeldgasse 12 in Wien ab 10 Uhr, geräumt werden. Ist die Räumung erfolgreich, werden wir nicht nur unser zuhause verlieren, sondern es geht der Stadt auch ein Anlaufpunkt für eine solidarische Lebensgestaltung verloren.

Mit der Räumungsbedrohung zeigt sich einmal mehr, dass alternativem Leben in Wien kein Raum geboten wird. Es geht ganz klar nicht nur um unser Projekt, sondern um die Fragestellung wie die Menschen in dieser Stadt gemeinsam Leben wollen. Und um die Frage, warum es soviel Platz für Profit und Konsum gibt, während Räume für solidarisches Miteinander, in denen Menschen versuchen, ohne Hierarchien und Diskriminierungen zusammen zu leben, systematisch zerstört und verdrängt werden.

Wir rufen dazu auf, uns gegen die Räumung zu unterstützen, und bestenfalls bereits am Abend zuvor zu kommen. Wir wollen nicht freiwillig gehen, und damit auch zeigen, dass Solidarität und Widerstand gegen Zwangsräumungen möglich ist.

Im Schnitt werden am Tag 7 Delogierungen in Wien durchgeführt. Dabei verlieren die Betroffenen oft die Räumungsverfahren vor Allem wegen mangelnder Rechtskenntnis sowie psychologischer Einschüchterung durch Eigentümer_innen. Auch die Gemeinde Wien, die sich weiterhin mit dem Image der sozialen Stadt schmückt, zeigt sich oft besonders unnachgiebig und kompromisslos, wenn sie unliebsame Mieter_innen los werden will. Eine grundlegende Ungerechtigkeit zeigt sich auch im Wiener Mietrecht: Bei einer Kündigung sind die Bewohner_innen in der Beweispflicht, um Kündigungsgründe zu entkräften. Bei der Vielzahl der teils vage definierten Gründe knicken viele vor der Übermacht der Eigentümer_innen ein.

Die Pizzeria Anarchia ist vor etwa 2 ½ Jahren entstanden, als uns von Nery Alaev und Avner Motaev von der Castella GmbH angeboten wurde, 6 Monate in dem Haus zu leben. Dies geschah in offenbarer Absicht unliebsame Altmieter_innen aus dem Haus zu vertreiben, in der Hoffnung, dass eine Gruppe „Punks“ den zumeist älteren Altmieter_innen den letzten Nerv rauben würden.
Wir freundeten uns mit den Altmieter_innen an, und beschlossen nach Ablauf der 6 Monate in dem Haus wohnen zu bleiben, und unsere Pizzeria weiter zu betreiben. Für die verbliebenen Altmieter_innen, ist unsere Anwesenheit wichtig, da sie vor unserem Einzug den Schikanen und dem psychischen Druck der Eigentümer ausgesetzt gewesen sind, die mit großer Kreativität versucht haben diese aus dem Haus zu ekeln, um es Luxussanieren zu können. Die Liste der Vorkommnisse in Häusern, die Motaev und Alaev über verschiedene Firmen gehören, ist lang. Einige Beispiele: Im Winter ersatzlos demontierte Gangfenster, abgedrehtes Gas oder Wasser, im Gang verschüttetes Öl und Chemikalien, bedrohliche Gestalten die spät abends mit Kampfhund vor der Tür stehen und einen Auszug bis zum nächsten Tag fordern, Drohungen, das Haus werde zusammenstürzen, besprayte Türen genau bei jenen Mietparteien, die sich weigern auszuziehen, Räumungsklagen mit absurden Begründungen usw. Wenn wir weg sind, wird dieser Terror weiter gehen.
Bei einem illegalen Räumungsversuch der Castella GmbH Anfang August 2012, haben auch wir die Machenschaften dieser Eigentümer zu spüren bekommen. Da dieser Räumungsversuch scheiterte, versuchten sie anschließend rechtliche Mittel zu nutzen, um uns aus unserem Haus zu bekommen. Am 28.7.2014 soll es nun soweit sein. Und wir werden unser Möglichstes tun, dies zu verhindern.

Das Projekt, das mit dieser Räumung zerstört werden soll, ist aus der Stadt und dem Grätzel nicht mehr wegzudenken. Unzählige Leute haben bei der sonntäglichen Pizza-Volxküche gegessen, an Diskussionen und Workshops teilgenommen, sich kennengelernt und vernetzt, spontane Solidarität gegeben und erfahren, auf Reisen oder in der Not einen Schlafplatz bekommen.

Wir fragen uns, ist das ein Gerechtigkeitssystem, in dem die alteingesessene Bevölkerung zu Gunsten von Kapitalerträgen aus ihrer angestammten Umgebung vertrieben wird? In dem einem Immobilienspekulanten, der seine Mitmenschen skrupellos terrorisiert, Recht gegeben wird? Für uns ist das nicht die Stadt in der wir Leben wollen. Wir möchten weiterhin unser Leben gemeinsam gestalten, und neue Formen des Zusammenlebens ausprobieren. Dazu werden wir in diesem Haus bleiben, und gegen diese und andere massive Formen der Gentrifizierung eintreten, und weiterhin dazu aufrufen kreativ und widerständig zu sein.
Gentrifizierung, dass heißt Stadtteilaufwertungspolitik zu Ungunsten weniger solventer Bevölkerungsschichten. Symptomatisch hierfür ist die für unser Haus geplante Sanierung samt Stockwerksaufbau und Umwandlung in Eigentumswohnungen, der die Mieten auch in der Umgebung in die Höhe treiben wird. Langfristig führen solche Prozesse zur Verdrängung der Bevölkerung, welche sich diese Mieten nicht mehr leisten kann. Spekulationsblasen fördern den Leerstand von Wohnraum, der eigentlich bewohnt sein könnte. In anderen europäischen Städten, wie Lissabon, Berlin oder Paris führen diese Zustände dazu, dass es praktisch unmöglich ist, innerhalb der Stadt bezahlbaren Wohnraum zu finden. Am 28.7. stellt sich für uns also nicht nur die Frage in welchem Haus wir leben wollen, sondern wie Wien zukünftig gestaltet werden soll. Wie eine möglichst kapitalträchtige Stadt, oder wie eine partizipative Stadt, die Raum bietet für alle Menschen die hier gerne zusammen Leben möchten?

Wir lassen uns nicht einschüchtern, und wir lassen uns auch nicht einfach aus dem Haus werfen!

Wir halten unsere Politik für richtig und notwendig! Deswegen erzählt unsere Geschichte!

Die Besetzer_innen der Pizzeria Anarchia

Rückfragehinweis:

Pizzeria Anarchia
Mühlfeldgasse 12
1020 Wien / Mazzes

+43 681 81 85 72 81

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Ein Kommentar zu Presseerklärung: Nein zur Räumung der Pizzeria Anarchia, nein zu Gentrifizierung und Verdrängung!

  1. Markus Nobis sagt:

    Hi,

    Schade, dass die Polizei so eifrig bei der Sache war, euch aus dem Haus zu bekommen. Doch ein delogiertes Haus kann vielleicht relogiert werden? Ich frage mich, ob noch einmal 1700 Polizisten anrücken werden, wenn die Eigentümer die vermeintlich leeren Wohnungen bewohnt vorfinden. Nur so ein Gedanke, aber vermutlich kennt die Justiz in solchen Fällen keine Gnade. Bleibt bloss zu hoffen, dass aus dem Rechtsstaat nicht schnell ein rechter Staat wird. Viel Glück bei der Suche für eine neue Bleibe. Ich drücke euch die Daumen, dass eure neue Nachbarschaft sich mit euch solidarisiert.

    Lg, Markus

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