Ein Leitfaden für solidarisches Kartieren

Einleitung

Kartieren, mappen, Karten machen. Das übt auch in solidarischen und emanzipativen Zusammenhängen eine Faszination aus. Eine Karte als Werkzeug, um sich Überblick zu verschaffen, um die Verbreitung von Ideen zu zeigen oder Bedrohungen, Konflikte, Potenziale aufzuzeigen. Das Verhältnis zwischen Kartierungs-Begeisterten und den „gemappten“ Initiativen und Ressourcen ist dabei ganz unterschiedlich ausgeprägt, nicht jede*r will auf einer Karte abgebildet sein und nicht immer wird die eigene Sicht auf die Verhältnisse von den vermeintlichen Mitstreiter*innen auch geteilt.

Dieser Leitfaden soll als Anregung dienen, sich mit möglichen Problemfeldern in Kartierungsprojekten und ihrem Verhältnis zum Umfeld sensibel auseinanderzusetzen. Er kann als Grundlage dienen, eine Auseinandersetzung zu führen, sensible und schwierige Themen zu benennen und gegebenenfalls im Ergebnis mit abzubilden.

Die Anregungen im Leitfaden können und sollen keine „Vorschriften“ sein. Initiativen entscheiden autonom über ihre Kartierungspraxis. Wer sich mit dem Leitfaden assoziiert, dokumentiert damit, sich mit den hier angesprochenen Themen im Rahmen des Projekts auseinanderzusetzen und diesen Prozess in die Kartierungsarbeit einzubringen – wie immer die angesprochenen Themen, Ansprüche und Konfliktfelder dann im einzelnen gelöst oder bearbeitet werden. Schön wäre in jedem Fall eine Dokumentation dieses Prozesses, die die Gründe für getroffene Entscheidungen skizziert und für Außenstehende nachvollziehbar macht.

Die Gedankensammlung zu den Ansätzen und Fragestellungen des Leitfadens entstanden in einem Workshop im Rahmen des Solidarökonomie Kongresses in Wien 2013, den Menschen aus dem Umfeld von Platz-da!? [http://platzda.blogsport.eu/] und Vivir Bien [http://vivirbien.mediavirus.org/] gemeinsam organisierten.

Die Motivation für den Workshop waren Erfahrungen aus Kartierungsprojekten, die Konflikt- und Spannungsfelder offengelegt haben und auf allgemeine Fragen verwiesen, die es wünschenswert gemacht haben, ganz bewusst Kartierte und Kartierende zusammenzuführen, um Wege für einen sinnvollen Umgang mit diesen Problemfeldern auszuloten. Die Texte zu den 3 Themen, die sich herauskristallisiert haben, basieren auf einer Mindmap, die im Workshop entwickelt wurde.

THEMEN

I. „Respektiert die Selbstdarstellungshoheit anderer!“

Karten sind Repräsentationen. Inhalte und Gegebenheiten werden in Zusammenhang gebracht. Zusammenhänge und Verbindungen wiederum sind Interpretationsvorlagen, sie grenzen ab, aus und ein, und die einzelnen „Fakten“ sprechen nicht mehr singulär für sich. Kartierungen liegen immer Analysen und Ansichten zugrunde, die niemals einer generellen Wahrheit entsprechen können. Gleichzeitig wirken Karten aber irgendwie seriös, irgendwie objektiv und scheinen „alles wichtige“ abzubilden. Die Kritik am ideologischen oder realitätskonstruierenden Charakter einer hegemonialen Karte gilt genauso für alle anderen, alternativen Kartierungen.

Genau jener Charakter kann eine alternative Kartierung zu einer subversiven Irritation und gedankenanregenden Überraschung machen, aber damit sollten alle von ihr „Betroffenen“, also in erster Line die in der Karte dargestellten, einverstanden sein. Wer Gruppen und/ oder Projekte kartiert, sollte diese fragen, was sie davon halten in dem Zusammenhang, den die Karte herstellt, repäsentiert zu werden.

Solidarische Kartierungen können darüber hinaus einen gemeinsamen Wissens- und Auseinandersetzungs-Mehrwert generieren, wenn die erste Idee zur Kartierung zur gemeinsamen Reflexion und Weiterentwicklung mit allen Repräsentierten freigegeben wird. Sind die „Objekte“ der Kartierung gleichzeitig auch Involvierte in der Produktion, ist die Karte am Ende viel mehr auch Selbstdarstellung als „aus Versehen“ unerwünschte Fremddarstellung. Und das trägt mit Sicherheit zur besseren Verbreitung und zur allgemeinen Freude aller bei.

Bedürfnisse Anderer

– möchten wissen, dass sie „gemappt wurden“
– möchten wissen, was das Ziel, die Nutzer*innen und die Aussage eurer Karte sind
– möchten bestimmen können, wo und welche Informationen über sie veröffentlicht werden
– möchten vielleicht verborgen bleiben

Anregungen

– lasst andere frühzeitig wissen, dass sie in eurer Karte aufscheinen sollen
– dokumentiert das Ziel, die geplanten Nutzer*innen und die Aussage eurer Karte
– lasst andere mitgestalten, wie und in welchen Zusammenhängen ihr Projekt auf euere Karte dargestellt wird
– bietet einen direkten Weg an, Daten zu korrigieren und Feedback zu geben (siehe auch II.)

II. „Zeigt eine bunte Welt!“

Die historische Entstehung von Karten ist eng mit der Entwicklung von Nationalstaaten und ihren Herrschaftsinstrumenten verknüpft. Sie bildeten und bilden die repräsentative Grundlage der Behauptung von Grenzen, Hierarchien und Ordnungen. Ist auf der allgemeinen Stadtkarte die Schnellstraße groß und fett eingezeichnet und der Radweg überhaupt nicht, dann spiegeln sich darin die Bedeutung des Fahrrades und des Autos im Stadtverkehr. Das ist für manche Lesarten richtig, wichtig und gut, für andere weniger. Generell bilden offizielle und komerzielle Karten die hegemonialen Herrschaftsverhältnisse von Staat und Markt ab.

Demgegenüber steht die Reklamation einer möglichen anderen Welt durch emanzipatorische Projekte, und dementsprechend kritisch können Kartierungsprojekte mit der bildlichen Grundlage ihrer Karte umzugehen versuchen. Vielleicht ist es für die kartierten Themen produktiv die hegemonialen Herrschaftsverhältnisse einmal nicht zu zitieren?

Bedürfnisse Anderer

– möchten ihr Projekt nicht im Kontext eines „staatlichen Blicks“ sehen oder immer wieder solche Karten ansehen müssen
– möchten eure Karte selbst interpretieren, nicht alles vorgegeben bekommen
– möchten sich auf der Karte zurechtfinden

Anregungen

– gestaltet eure Karte!
– verwendet Alternativen zu bekannten Kartendarstellungen
– macht mehrere Karten in verschiedenen Maßstäben und Darstellungen

Ressourcen dazu

– Counter-cartographies Collective http://www.countercartographies.org/
– OpenStreetMap http://www.openstreetmap.org/
– Maps Without Borders http://www.mapswithoutborders.eu/
– OpenCycleMap / Public Transport Map http://www.thunderforest.com/

III. „Schafft ein Commons!“

Jeder kreative Output, auch Medien- und Informationserzeugnisse, werden in unserer Welt standardmäßig erstmal der Markt- und Eigentumslogik unterworfen – das heißt, dass eure Karte oder Informationssammlung streng genommen von anderen zwar betrachtet, aber erstmal nicht weiterverbreitet, verändert und „remixed“ werden darf, sofern ihr nicht ausdrücklich etwas anderes festlegt. Demgegenüber stehen Versuche wie die Commons-Bewegung, Open Source Software oder die „Open Definition“ [http://opendefinition.org/okd/deutsch/], Ressourcen gemeinsam und möglichst frei zu nutzen.

Ein häufig verwendetes Tool, um eure Karte zu einem Gemeingut (Commons) zu machen, sind die Lizenzen von Creative Commons. Mit Creative Commons Lizenzen kann man sich wie in einer Art „Baukastensystem“ zusammenstellen, was andere mit euren Daten bzw. eurer Karte machen dürfen. Dazu reicht es, zu erklären, dass das Werk unter der gewählten Lizenz steht und auf den Lizenztext zu verlinken. Weitergehende Ansätze wie Public Domain oder die „Do What the Fuck You Want to Public License“ versuchen das Werk soweit rechtlich möglich überhaupt von der Urheberrechts-Logik zu entheben.

Bedürfnisse Anderer

– möchten öffentliche Daten in anderen Zusammenhängen verwenden
– möchten eure Arbeit weiterführen und eigene Projekte darauf aufbauen
– möchten Daten aktuell halten und ergänzen

Anregungen

– wählt eine möglichst offene Lizenz für eure Karte
– verwendet andere Commons
– bietet einen direkten Weg an, Daten zu korrigieren und Feedback zu geben

Ressourcen dazu

– Creative Commons Lizenzauswahl http://creativecommons.org/choose/?lang=de
– Creative Commons Public Domain Tool http://creativecommons.org/choose/zero/?lang=de
– Do What the Fuck You Want to Public License http://www.wtfpl.net/
Anhang 1: Weiterführende Ressourcen und Inspiration/ Linksammlung http://platzda.blogsport.eu/2012/09/23/karte-der-urban-commons-in-wien/
http://www.leerstandsmelder.de/
http://vivirbien.mediavirus.org/
orangotango.info/#1
www.transitmigration.org/migmap/home_en…
iconoclasistas.com.ar
www.freespaceberlin.org
bureaudetudes.org
eipcp.net/transversal/0406/tsg/de
www.namediffusion.net/indexancien.htm
www.cyberfeminism.net/biopower/bp_map.html
hackitectura.net/blog/en/2011/mapping-t…
http://www.subversivefestival.com/txtl/1/4/en/home
http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1791767
http://www.divercity.berlin.heimat.de/
http://blog.commons.at/

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