Jedes Mal die gleiche Scheiße – aus frustrierenden Demo-Ritualen ausbrechen!

Jedes Mal die gleiche Scheiße – aus frustrierenden Demo-Ritualen ausbrechen!
gepostet am 9. November 2011 – 1:09 von Schöner Manfred
von: http://at.indymedia.org/node/21606

Auf indymedia gibt es dazu eine ganz interessante Disskusion deswegen hier nur der Anfang zum reinlesen und zum Ideen und Feedback posten weiter auf indy.at

Folgender Text sind persönliche, also subjektive, Gedanken dazu, was in Wien falsch läuft, was in letzter Zeit besser geworden ist und was noch fehlt, damit eine autonome Bewegung langfristig am Leben erhalten werden und wachsen kann. Der Text ist spontan unter den Eindrücken der heutigen Demonstration nach der Epizentrum-Räumung entstanden und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder irgendeine absolute Wahrheit. Er soll als Diskussions- und Reflektionsanstoß dienen – etwas, was am besten auch im größeren Rahmen unter Einbeziehung möglichst vieler Menschen, die heute wegen der Epizentrum-Räumung auf der Straße waren, geschieht. Und zwar bald. Am besten in einer Neubesetzung.

Status Quo
Dass es in Wien keine starke autonome/HausbesetzerInnen/AnarchistInnen-Szene gibt ist allgemein bekannt. Über die Gründe, warum das so ist, wird selten nachgedacht. Meistens wird es als „naturgegeben“ betrachtet, weil Wien halt anders sei. Dabei sind es nur ein paar entscheidende Punkte, die alle verstanden haben müssen, um aus diesem Status Quo auszubrechen. Erste Punkte wurden bereits begriffen. Etwa die Notwendigkeit eines autonomen Hauses oder dass es nicht immer eine Immobilie der Stadt Wien irgendwo am Stadtrand mit schlechter Infrastruktur und viel zu großer Dimension sein muss. Ein erster, wichtiger Schritt, der uns zur längsten Besetzung seit über 20 Jahren verholfen hat. Eine Besetzung, in der wir erstmals so weit gekommen sind, über eine nachhaltige langfristige Organisation der Abläufe im Haus nachzudenken – statt von Tag zu Tag zu leben in ständiger Angst vor einer Räumung. Daher hat man kaum Gedanken daran verschwendet, was nach einer Räumung passieren soll, was zum einen richtig ist, um dieses „von Tag zu Tag“-Denken zu durchbrechen, andererseits hätte zumindest ein Tag auch für Gedanken an das „danach“ verwendet werden sollen. Dass von Anfang an eine Demo am Tag der Räumung angekündigt war, war eine wichtige Erkenntnis aus früheren Besetzungen und hat uns vielleicht ein paar Tage extra verschafft, da dadurch auch die Polizei von Anfang an eine Strategie für den ganzen Tag der Räumung vorbereiten musste – und nicht nur für den Räumungsvorgang selbst. Doch wenn man bereits beim zweiten Schritt stolpert, kommt man letztlich genau so wenig voran, geschweige denn würde irgendein Ziel erreicht werden.

Was sind diese Ziele?

Weiterlesen unter: http://at.indymedia.org/node/21606

Oder hier am Platz-da!? Blog

Was sind diese Ziele?
(natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Zum einen geht es zweifellos darum, Hausbesetzungen in Wien möglich zu machen bzw. zu etablieren. Nicht als Selbstzweck, sondern um Freiräume zu schaffen. Und um diesen vielfach bemühten, aber wenig konkreten Begriff Inhalt zu geben: Es geht darum,

A) Selbstverwaltung zu erproben und weiterzuentwickeln – die ganze Welt kann ohne „Anführer/innen“ und Befehlskette funktionieren. Um das zu beweisen, muss man im kleinen anfangen. Dafür braucht es Freiräume, in denen man dieses Prinzip ohne Zwang zu Erwerbsarbeit (etwa für Miete/Betriebskosten/Nahrung usw.) erproben kann – alles für alle, und zwar umsonst! Das Beispiel Amerlinghaus, aber auch viele andere „legalisierte“ Häuser, zeigen uns sehr gut, dass es eben nicht funktioniert, wenn man sich unter die Fuchtel der Stadt Wien stellt. Alle kreative Energie wird dann von Bürokratie und Verwaltungsarbeit verschluckt. Gleichzeitig ist man vom „good will“ der Stadt abhängig, im schlimmsten Fall sogar von Subventionen – und daran gekoppelte Auflagen. Ein richtiger Freiraum zahlt keine Miete – benötigt dafür auch keine Subventionen. Ein richtiger Freiraum fordert nichts – dort wird einfach gemacht! Und das, was gemacht wird, kostet nichts – denn es wird aus eigenem Antrieb, aus eigener Überzeugung, aus Leidenschaft und Freude daran gemacht. Wer diese „Arbeit“ schätzt, kann etwas spenden – denn so lange ein Freiraum von dieser kapitalistischen Welt umgeben ist, wird es – ob es uns gefällt oder nicht – Dinge geben, die man nur gegen Geld erhält. Sei es Strom, Wasser, Müllentsorgung oder bestimmte Lebensmittel, die nicht im Supermarktcontainer zu finden sind. Langfristig, wenn es viele Freiraum-Projekte gibt/gäbe, die verschiedene Schwerpunkte haben, ist es natürlich denkbar und erstrebenswert, dass alles, was mensch benötigt, selbst erzeugt wird – und untereinander ausgetauscht wird. Wenn die Weltwirtschaftskrise Hyperinflation, Banken-Crashs und Währungs-Zusammenbrüche hervorbringt – derzeit geht alles in diese Richtung – wird auch den letzten KritikerInnen rasch klar werden, dass das alles keine träumerischen Hirnsgespinste sind, sondern bittere Notwendigkeit – und die einzige zukunftsweisende Möglichkeit, dem kapitalistischen Teufelskreis, der in seinen größten Krisen letztlich immer große Kriege hervorbringt, die die Menschen vergessen lassen, warum sie überhaupt geführt werden, um danach wieder bei „null“ zu beginnen und so zu tun, als wäre nichts gewesen, zu entkommen.

B) um zu diesem/diesen großen Ziel/en zu gelangen, muss man sich zunächst kleinere Ziele stecken. Denn was hindert uns daran, ein leerstehendes Haus für ein autonomes Freiraumprojekt, ob nun Wohnkollektiv, Sozial- und Kulturzentrum, Frauenhaus oder was auch immer, zu verwenden? Es sind die von PolitikerInnen gemachten Gesetze, die von der Polizei umgesetzt werden. Jedoch mit einer Einschränkung: Auch die Politik, auch die Polizei, handelt im Einzelfall pragmatisch, wägt Vor- und Nachteile ab, denn sie verfolgt sehr konsequent ein ganz klares Ziel: Ruhe, Ordnung, Sicherheit. Nur, wenn Politik & Polizei dafür garantieren kann, werden sie von der Mehrheitsbevölkerung geschätzt und gewählt. Führt die Politik der machthabenden Politiker bzw. der ihnen unterstellten Polizei zu Chaos, Unordnung und Unsicherheit, leidet ihre Popularität. Klar werden jene Menschen, die Chaos und Unordnung stiften von der breiten Mehrheit als Schuldige identifiziert und verteufelt. Es wird nach mehr Repression gerufen werden, um dieses „Problem“ zu „lösen“. Doch mit der Zeit haben die Leute das ganze Schauspiel satt und werden sich fragen: „Muss das denn sein? Kann man denen nicht einfach ihr Haus lassen und dafür haben wir endlich Ruhe?“ – Man unterschätze nicht die Macht der – in Österreich sicher noch mehr als anderswo – Bequemlichkeit! Polizeieinsätze kosten Geld. Und Geld ist letztlich die höchste Instanz der Macht – in jedem Land, in jeder Stadt. Geld steht über den Gesetzen, Geld steht über dem Populismus und über den Boulevard-Medien. Geld regiert die Welt ist keine sinnfreie Phrase, gerade in Zeiten wie diesen ist offensichtlich, dass dem so ist.

Polizei-Einsätze dürfen sich nicht lohnen
Was also tun? Ganz klar: Polizei-Einsätze dürfen sich nicht „lohnen“! Die angebliche „De-Eskalationsstrategie“ der Polizei ist nur eine andere Beschreibung dessen, dass die Polizei gerne mal ein paar Augen zudrückt, wenn „unnötiger“ Aufwand oder „unnötige“ Kosten entstehen würden. Bestes Beispiel: Die Proteste gegen die Angelobung von Schwarz-Blau im Jahr 2000. Damals waren die Massen auf den Straßen, haben Polizei-Autos zerstört, Ministerien besetzt. Und? Gab es Tränengas? Wasserwerfer? Kessel? In den meisten Fällen nicht. Sehenden Auges wurden massenhaft Verstöße gegen Gesetze und „öffentliche Ordnung“ akzeptiert. Nicht, weil die Polizei so „nett“ ist, sondern ganz einfach wegen der großen Angst, die Proteste könnten eskalieren, in Straßenschlachten (wie zuletzt beim Opernball-Protest Ende der 80er-Jahre) ausarten. Es ist ja auch kein Geheimnis, dass die Proteste damals einfach „ausgesessen“ wurden. Auch die Audimax-Besetzung wurde „ausgesessen“. Jeder große Protest wird „ausgesessen“.

Das Prinzip des Aussitzens – und was man dagegen tun kann
Was ist die Idee des „Aussitzens“, warum funktioniert es so gut? Die Polizei als Apparat ist – entgegen landläufiger, durch Verhalten ihres „Fußvolks“ beförderter, Meinung – nicht blöd. Die Polizei hat sehr effektive Strategien, wie sie großes Aggressions-Potenzial ins Leere laufen lässt. Eine Strategie ist besonders erfolgreich und führt dazu, dass Demonstrationen in Wien fast immer in mehr oder weniger großer Frustration enden – was letztlich dazu führt, dass immer weniger Menschen bereit sind, überhaupt demonstrieren zu gehen. Eine Demonstration sollte ja – EIGENTLICH – dazu dienen, Politiker auf den „Willen des Volkes“ (oder Teilen davon) aufmerksam zu machen, auf Missstände und Fehlentwicklungen. Das Volk begehrt auf – die PolitikerInnen reagieren, es wird eine Lösung gesucht und vielleicht ein guter Kompromiss gefunden. So weit die Theorie. In der Praxis ist es so, dass eine Demonstration, zu der nicht mindestens 100.000 Menschen kommen, genau niemensch interessieren. Die PolitikerInnen können sich darauf verlassen, dass es keine Folgen haben wird, wenn sie nicht auf die DemonstrantInnen hören. Die Polizei wiederum kann sich darauf verlassen, dass die DemonstrantInnen friedlich sind und auch bleiben, solange die Polizei sie in Ruhe demonstrieren lässt. Und die DemonstrantInnen, voller (falsch verstandenem?) Pazifismus, denken sich womöglich noch: „Wow, die Polizei ist ja sooo tolerant und anständig, hätte ich mir nicht gedacht, sehr vorbildlich.“ Und trotzdem gehen sie nach der Demo nach Hause und kommen nächstes Mal vielleicht nicht mehr. Denn was hat die Demo erreicht? Nichts. „Es ist kein Geld da“ und jede Forderung jeder Demonstration ist vom Tisch.

Was läuft da falsch? Die PolitikerInnen haben keinen Respekt vor DemonstrantInnen, sie nehmen sie nicht ernst, sie werden im Regelfall schlicht und einfach ignoriert. Der Umstand, dass die Demos in Österreich zu 99,9 % vollkommen friedlich ist (das Schmeißen von ein paar Böllern auf ein leeres Stück Asphalt wird hierzulande bereits als „Eskalation“ und Gewalt interpretiert) erleichtert der Politik dieses Ignorieren. Dieses Ignorieren muss durchbrochen werden. Erstens, indem wir die Politik auch nicht mehr ernst nehmen und einfach tun und lassen was wir wollen (Stichwort Hausbesetzung, Freiräume schaffen, Reclaim the Streets, Occupy Everything, DIY), und wenn das nicht klappt, weil die Politik sich dann ja plötzlich doch für uns interessiert – und uns verbieten will, das, was wir ursprünglich gefordert haben, einfach selbst umzusetzen – dann hilft nur noch eines: wir müssen Demonstrationen wieder zu etwas machen, vor dem die PolitikerInnen Angst haben. Wir müssen es schaffen, zu dem Punkt zu kommen, wo die Politik/Polizei sagt „Ok, Hausbesetzungen sind zwar ur-illegal und so, aber besser die spielen da in ihrer Bruchbude Revolution als sie spielen das auf der Straße“ – oder wie glaubt ihr, wurden Hausbesetzungen in Berlin, Amsterdam, Barcelona, Zürich erkämpft? Durch stundenlanges Herumstehen um einen Polizeikessel? Sicherlich nicht!

Demonstrationen teuer machen
Wenn ein besetztes Haus geräumt wird, muss klar sein, dass es eine für die Stadt und die Polizei höchst unangenehme Demonstration geben wird. Rumlaufen und zu schreien „hey, ihr seid soooo gemein“ bringt vielleicht eine halbe Seite in „Heute“ und „Österreich“, wird die Politik aber nicht dazu bringen, ihre Strategie zu ändern. Denn, ums nochmal zu betonen, diese Strategie heißt „Ruhe und Ordnung“ bewahren. Nicht nur, weil sich die Politik dadurch legitmiert, sondern weil Unruhe und Unordnung auch Kosten verursacht – und sei es nur ein längerer, aufwändiger Polizeieinsatz. Ein gutes Beispiel war und ist die dezentrale noWKR-Demo 2011 – Tausende Polizisten auf der Jagd nach ein paar hundert DemonstrantInnen, Chaos in der ganzen Stadt, Stau auf allen Straßen – der Boulevard tobt, die FPÖ fordert erneut totales Demonstrationsverbot, Ausgangssperre für alle unter 60 und standrechtliche Erschießungen. Herrlich. So geht das 🙂 Denn hier wird die verlogene befriedete Scheinwelt einmal aufgebrochen und alle Akteure zeigen ihr wahres ich: der Staat als Unterdrücker, die FPÖ als nationalsozialistische Nachfolgeorganisation, die Boulevardmedien als Sprachrohr des Kapitals – und der AutofahrerInnen. Bessere Beispiele finden sich freilich, wenn man einen Blick auf „Castor schottern“, „Dresden Nazifrei“ und andere Demonstrationen in Deutschland wirft. Dort zeigt sich übrigens auch, welche Früchte es trägt, wenn man sich vom Gedanken einer „braven, angemeldeten Demo“ verabschiedet – und sich dem Gedanken, der chaotischen, ungeordneten, unberechenbaren Demo zuwendet. Denn wer auf eine Demonstration geht will auch mit dem Gefühl nach Hause gehen, etwas erreicht zu haben. Und da die Politik sich für „normale, brave“ Demos eben nicht interessiert, müssen sie „abnormal“ und „böse“ werden – zumindest so lange, bis auch „brave“ Demos wieder ernst genommen werden oder überhaupt das Volk sich selbst „regiert“ und keine PolitikerInnen mehr nötig sind. Wenn man diesem Gedankengang zustimmt, muss man sich aber auch vom Gedanken verabschieden, in den Medien als „die Guten“ dargestellt zu werden. Wer auf Demos nicht brav ist wird von den Mainstream-Medien gehasst. Aber ganz ehrlich: Was hat es uns bisher gebracht, wenn wir mit Luftballonen in der Hand in der Zeitung beklatscht werden, während die Regierung ungestört ein neues „Anti-Terror-Gesetz“ verabschiedet, das womöglich sogar das Tragen von Luftballonen an Demos als „terroristische Handlung“ definiert? Kann man von so einer Demo mit dem Gefühl nach Hause gehen, etwas bewirkt zu haben? Kann man so eine Demo als wirkungsvoll, als befriedigend betrachten?

Konkret bedeutet das für eine wirkungsvolle Demo: von der offiziellen Route abweichen bzw. unberechenbare Routen bei Spontandemos, Straßenblockaden aller Art, dezentrale Aktionen in der Stadt, die Polizei quer durch die Stadt und wieder zurück schicken – und selbst immer bereits wo anders sein, wenn die Polizei da ist, wo ihr etwas gemacht habt. So macht demonstrieren nicht nur Spaß (ja, sowas darf Spaß machen – genau so wie „Arbeit“ in einem besetzten Haus Spaß machen kann, die in der Fabrik, Werkstatt oder im Büro keinen Spaß macht), man ermächtigt sich damit auch selbst, wird als ernste Bedrohung wahr genommen (und daher von Politik, Medien und ja, auch von den „Gutmenschen“ beschimpft, gehasst und verurteilt) – dafür kommen bei der nächsten Demo aber auch mehr Leute. Man geht mit einem Gefühl nach Hause, etwas „getan“ zu haben – und nicht voller Frust, dass man zwar 2 Stunden lang laut brüllend durch die Stadt spaziert ist, aber alleine nach Hause geht mit der Gewissheit, dass sich ja doch nichts ändern wird … der Frust, dass sich „ja doch nichts ändert“, muss raus! Auch wenn sich dann ebenso „nichts“ ändert (was nicht der fall sein wird), so hat man seinen Frust jedenfalls dort abgeladen, wo er hingehört (in die Öffentlichkeit!), und nicht selbsterniedrigend in sich hineingefressen!

Kessel am Getreidemarkt – so nicht!!!
Schon mal nachgedacht, warum die Polizei die „illegale“ (unangemeldete) Demonstration zunächst 1 Stunde lang durch die Stadt ziehen hat lassen (oh, wie gnädig, die sind ja doch ganz tolerant, oder?) und dann am Getreidemarkt (für viele sicher überraschend) doch gekesselt hat? Ganz einfach: Nicht (!) in erster Linie, um etwa 40 von ca. 150 Menschen anzuzeigen (es wurden sogar Leute, denen man hunderte Meter (!) auf der Flucht vor dem Kessel nachgelaufen ist, nachdem sie erwischt wurden, ohne Personalienaufnahme laufen gelassen! Angeblich wurden sogar ein paar Leute aus dem Kessel rausgeschubst (!)) – nein, es geht um die Menschen, die rundherum stehen! Die Polizei weiß, dass wir so gute und anständige Menschen sind, die ihre FreundInnen und KollegInnen nicht alleine lassen, wenn sie im Kessel sind. Das trifft sich natürlich gut, denn so lange wir rund um den Kessel stehen, muss die Polizei auch nichts anderes tun, als einfach rumzustehen. Daher ist es auch kein Wunder, dass die Polizei satte vier (VIER!!!!) Stunden benötigt, um die Personalien von ca. 40 Personen aufzunehmen. 10 Personen werden pro Stunde (!) fotografiert, aufgeschrieben. Immer nur eine Person nach der anderen. Im Schnitt 6 Minuten pro Person – dann die nächste. Bis nach Mitternacht. Bis die Menschen rund um den Kessel müde sind vom schreien, Hunger kriegen, frieren – nach Hause gehen.

Und so hat die Polizei es tatsächlich geschafft, 300 wütende Menschen ohne jegliche Gewaltanwendung an einem einzigen Ort zu halten – nur einen kleinen Teil davon unter Zwang – ohne Zwischenfälle, ohne Gewalt, ohne Sachbeschädigung, ohne Straßenblockaden – oder kurz: ohne Chaos, Unordnung oder „unnötigen“ Zusatzaufwand oder Kosten. Diese Leistung verdient Applaus – das macht die Wiener Polizei tatsächlich zu einem Vorbild für die ganze Welt. Bei „Dresden nazifrei“, waren die DemonstrantInnen klüger (gut, es waren auch mehr – aber warum es in Wien so wenig sind und wie es mehr werden könnten, wenn man sich an Aktionen wie „Dresden nazifrei“ ein Beispiel nimmt, hab ich bereits dargestellt) und hätten, statt sich selbst die Energie im Rumstehen & Rumschreien zu rauben, bis man so müde ist, dass man nach Hause geht, stattdessen eine neue Demo gebildet – im Wissen, dass man den Menschen durch Rumschreien sowieso nicht helfen kann, durch eine neue Demo (die Polizeiressourcen bindet) aber möglicherweise (in diesem Fall am Getreidemarkt sogar höchstwahrscheinlich!) dazu beiträgt, dass die Polizei den Kessel früher auflöst und einige Leute sogar ohne Anzeige laufen lässt. Je früher sich die Menge rund um den Kessel zu einer neuen Demo formiert, desto besser für die Leute im Kessel! Und je unberechenbarer und vielleicht sogar „böse“ die neue Demo ist, desto mehr Polizeiressourcen wird sie an sich binden – und vom Kessel abziehen. Dazu muss das ganze gar nicht so groß sein wie bei „Dresden nazifrei“, das funktioniert auch im kleinen! Und das beste kommt erst: Wenn die Polizei den Kessel „aufgibt“ (weil er ihr ja ohnehin nicht wichtig ist sondern nur zum Festhalten der „Solidarischen“ Leute rundherum dient) – voilà – plötzlich sind es zwei Demos!

Diese neue Demo oder im Optimalfall zwei neuen Demos müssen dann aber klüger agieren als zuvor (sollte sie eigentlich von anfang an und für alle zukunft), was bedeutet: höheres Tempo (je schneller, desto schwieriger für die Polizei, neue Kessel zu planen!), zusammenhalten, von Anfang an ein Ziel ausmachen (um nicht unterwegs stehen zu bleiben und zu „plenieren“ (!), was der Polizei jene nötigen 5 Minuten verschafft, Einheiten für einen neuen Kessel zusammenzuziehen) und auch wichtig, von Anfang an einen Treffpunkt ausmachen, wo man sich erneut versammelt, wenn die Demo unterbrochen oder aufgelöst wird / werden muss. Denn sobald die Demo einen Kessel zumachen will gibt es nur eins: laufen! Damit das nicht der Polizei zugute kommt (zerstreute demo = ein problem für sie weniger) ist eben der treffpunkt wichtig, wo man sich erneut trifft und weitere demonstrations-aktionen bespricht. Das hat heute in Wien nur insofern funktioniert, dass schon am Urban-Lloritz-Platz das Museumsquartier als Treffpunkt ausgemacht wurde.

Zivi-Cops zum Teufel jagen
Das blöde dabei war, das ein Zivi-Cop daneben stand und das mitgekriegt hat. Unauffällig, wie Zivi-Cops nunmal sind, ist diese Person dann – kaum die Info aufgeschnappt – unauffällig davongegangen um sich ein paar mal unauffällig umzudrehen und schließlich, schon mehrere straßen weiter, unauffällig ein kurzes handy-gespräch abzusetzen – und schon wusste die polizei, dass die demo zum westbahnhof gehen will (was die polizei dann auch verhindern konnte) und sich danach im museumsquartier trifft (weshalb der kessel auch am getreidemarkt zugezogen wurde, wo die demo ca. 150 bis 200 personen groß war, und nicht bereits in der burggasse, wo die polizei – im wissen, dass das museumsquartier das ziel ist – die ca. 50 personen große kleindemo erstaunlich ungestört gewähren ließ, obwohl „illegal“). Fürs nächste Mal: Aufmerksamer auf auffällig unauffällige Typen achten, die wie Zivi-Cops ausschauen (sind meistens welche) – und in deren Gegenwart (so, dass sies hören können, aber nicht an sie persönlich addressiert) falsche Informationen (an andere, am besten eingeweihte) erzählen. Danach dann gemeinsam nochmal was vernünftigeres ausmachen. Vernünftig bedeutet zum Beispiel, nicht vom Urban-Loritz-Platz loszudemonstrieren, wenn die Polizei damit rechnet und den ganzen siebten Bezirk besetzt hat. Dass die Demo in der Burggasse überhaupt möglich war liegt höchstwahrscheinlich daran, dass die Polizei das Ziel der Demo eben kannte. Das Museumsquartier war längst umstellt, als die Demo dort eintraf. Sonst hätte es – vgl. noWKR 2011 – bereits in der Burggasse einen Kessel gegeben.

Bezugsgruppen – Treffpunkte vereinbaren – Kesseln ausweichen – Keep the Demo going!
Das ganze kann natürlich nicht funktionieren, wenn es keine Organisationsstruktur gibt. Entweder ist die ganze Versammlung in Bezugsgruppen organisiert und schickt VertreterInnen zu einem Bezugsgruppenplenum (dass dann überschaubar groß ist – man kann kein vertrauliches Gespräch mit 150 leuten führen) oder – da in Wien Bezugsgruppen nach wie vor selten sind – man macht es pragmatisch, fragt mal rum, wer ideen hat, schnappt sich diese leute, einigt sich mit diesen auf etwas – und besser, man lasst sich hier zeit, als später irgendwo unsicher festzusitzen / wichtig ist jedenfalls, DASS man sich auf etwas einigt und ALLE ernsthaften bedenken (polizei im siebten, polizei rechnet mit demo zum westbahnhof etc.) – ausräumt, bevor man diese entscheidung an alle anderen weiterkommuniziert. klar, dass ist jetzt nicht 100 % unhierarchisch, aber wenn die voraussetzungen, für eine wirkungsvolle entscheidungsfindung (bezugsgruppen) einfach nicht gegeben sind, muss man eben improvisieren. ansonsten passiert, was in solchen fällen immer passiert: ein paar leute setzen die füße auf die straße, ein paar leute kommen nach, ein paar leute bleiben stehen – 10 minuten vergehen – alle leute setzen sich nun in bewegung, gehen 100 meter und zack – schon ist der kessel zu (vgl. noWKR 2011, Urban-Loritz-Platz/Westbahnstraße) – von solchen erfahrungen muss man lernen. dass geschah heute – erfreulicherweise – insofern, dass man einen Kessel vermeiden wollte – und auch erfolgreich am Gürtel vermieden hat, Gratulation! – und fast alle wussten, wo der Alternativtreffpunkt ist. Problematisch war eben, dass es auch die Polizei wusste – für Planänderungen war es bereits zu spät, als das mit dem Zivi-Cop aufflog – und dass (weil die Polizei die Zugänge zum MQ verstellt hatte!) es nicht, wie geplant, eine neue Besprechung über die weitere Demonstrationsroute im/vor dem MQ gab, sondern eben ein (planloses) Weitergehen, das dann nur noch bis zum Getreidemarkt gut ging, wo uns die Polizei dann so lange hingehalten hat, bis alle nach hause gegangen sind – und vier Leute ins Gefängnis.

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