q202: du Kunst mich mal

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Vorletztes Wochenende(8.-10.April) fand das alljährliche Kunstfest/Atelierrundgang q202 statt. Hauptsächlich findet dies in einem am stärksten von Gentrification betroffenen Gebieten von Wen, dem Karmeliterviertel in Leopoldstadt, statt. Ein guter Zeitpunkt also, die Verbindung von Kunst und Gentrifikation zu untersuchen.

Die Geschichte des Viertels

Die Geschichte des Karmeliterviertels, dessen Name übrigens vom lange dort ansässigen Kloster kommt, hängt stark mit der jüdischen Geschichte Wiens zusammen. Schon früh kam es zu antisemitischen Angriffen und Vertreibungen. 1627 wurden Juden und Jüdinnen aus der Stadt vertrieben und mussten sich im Ghetto im „Unteren Werd“, damals ein sumpfiges Überschwemmungsgebiet, ansiedeln. Doch auch dort waren sie nicht sicher, sie wurden 1670 wieder vertrieben.
Trotz der Repressalien kehrten viele Jüdinnen und Juden in den darauffolgenden Jahrzehnten wieder zurück. Die Gegend rund um den Karmelitermarkt wurde das jüdische Zentrum Wiens. In der Zwischenkriegszeit war ca. die Hälfte der Bewohner_innen der Leopoldstadt jüdisch. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden diese Menschen systematisch verfolgt, vertrieben und ermordet; nur wenige kehrten danach zurück.
In der Nachkrigszeit war dies lange Zeit ein vergessener Fleck in Wien. Es wurde ein sozialer Brennpunkt mit vielen verrotteten Zinshäusern, Wohnungsspekulation, Branntweinern und Prostitution. Erst um die Jahrtausendwende wurde das Viertel wieder entdeckt, die Gentrifizierung begann.

Die Ignoranz der Kunst

Gentrifizierung beschreibt einen Prozess der soziokulturellen Veränderung, wobei Wohlhabende in ärmliche Viertel ziehen, wobei gleichzeitig einkommensschwache Personen vor allem durch Mietpreissteigerungen vertrieben werden. Eine wichtige Pionierfunktion haben dabei Künstler_innen inne. Durch die vielfach prekäre Einkommenslage sind sie auf billige Atelierräume angewiesen. Dadurch bringen sie eine gewisse Lebendigkeit, Bunt- und Offenheit in ein Viertel. Dieses wird plötzlich gehyped, es ist hip und in, dort zu sein, dort zu wohnen, in Folge dessen steigen die Mietpreise, Menschen mit wenig Einkommen müssen umziehen. Auch im Karmeliterviertel läuft es so ab.
Die Lage der Künstler_innen ähnelt damit derer mancher politischen Aktivist_innen. In Spittelberg z.B. wurden sie durch die Besetzung des Amerlinghauses und die Schaffung eines Stadtteilzentrums zu Pionieren der Gentrifizierung. In Berlin sind jene Bezirke besonders gefragt, in denen es in den letzten Jahrzehnten die meisten Hausbesetzungen gab, und dies trotz ihrer eindeutig antikapitalistischen Ausrichtung.
Es wäre somit ziemlich verkürzt, Künstler_innen die Verantwortung am Gentrizizierungsprozess zu geben. Aber immer wieder kommt es zu einer Ignoranz der Rahmenbedienungen. Um wieder auf q202 zurückzukommen: in diesem Jahr wurde den ehemaligen Besetzer_innen des Augartenspitzes die Teilnahme verwehrt, da „Kunst nicht politisch ist“. Damit verkennt Hans Heisz, der Organisator von q202, der diese Aussage tätigte, dass selbst die abgeschiedenste Kunst im Elfenbeinturm ein (Zerr-)Spiegel der Realität und somit auch politisch ist.

Kunst als politisches Aktionsfeld

Gerade im Augartenspitz, aber auch im ganzen Karmelitermarkt und darüber hinaus, zeigt sich, dass Kunst sich im politischen Aktionsfeld bewegt. Der Augarten-Kristall, der am Spitz gebaut werden soll, soll der Konzertsaal der Wiener Sängerknaben werden und ist somit Kunst. Er ist aber auch ein vorläufiger Höhepunkt des Gentrificationsprozess. Anstelle von kleinen Kunstprojekten gibt es Hochkultur. Und gemeinsam mit dem am anderen Ende des Karmeliterviertels neu errichteten Nouvel-Tower ist es ein Einfallstor für eine eventuell einsetzende Supergentrifizierung, die in Richtung Luxuslofts/appartments geht. Der Nouveltower ist zwar architektonisch ansprechend, durch Luxushotel und Designershops ist, genauso wie beim Konzertsaal, das Publikum klar: Tourist_innen und „die oberen 10.000″. Somit liegt es auch im Bereich des Möglichen, dass das Viertel dazwischen ein Luxusviertel wird, und die Gentrifizierung somit sozusagen „die eigenen Kinder frisst.“
Dagegen wird wiederum vor allem mit künstlerischen Mittel agiert, demonstriert, besetzt und blockiert.

Die Verbindung

Die Verbindungen zwischen Kunst und Gentrifizierung sind natürlich größer als hier beispielhaft dargestellt wurde. Immer wieder stellen Immobilienfirmen jungen Künstler_innen leer stehende Geschäftsflächen als Ateliers unentgeltlich zur Verfügung. Sie profitieren mehrfach davon: es kostet ihnen fast nichts, sie bekommen dadurch ein gutes Image, es ist Werbung, die Akzeptanz der Anrainer_innen für bauliche Veränderungen wird größer, eventuell vorhandener Widerstand kleiner, und im besten Fall erfährt die Immobilie einer Wertsteigerung, eben weil sie hip, offen, bunt,.. ist.
Auf der andern Seite ist Gentrifikation ein tendenziell unsichtbarer Prozess: Umzüge sind normal, und wer außer ein paar Freund_innen bekommt es schon mit, dass das des lieben Geldes wegen passiert, Dass das neue Lokal ein bisschen teurer ist, verwundert auch nicht, schließlich wird ja alles teurer, und die viele Bautätigkeit?-Naja, Wien versucht halt, modern zu werden!
Durch die Kunstfeste und Atelierrundgänge kann dieser Prozess zumindest teilweise sichtbar und somit angreifbar gemacht werden.

Links:
Josefinisches Erlustigungskomitee
q202
Ein alter Falterbericht, der die Gentrifikation zwar unkritisch aber gut darstellt
Auch die Grünen bloggten über die Gentrifikation des Karmeliterviertels
kurze Geschichte des Judentums in Wien

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